Berichte & Erfahrungen

Die Immanuel–Kant – Universität zu Königsberg

Immanuel-Kant Die 1544 gegründete Albertus - Universität zu Königsberg ist, beginnend mit den Terrorangriffen der britischen Luftwaffe im August 1944 und den russischen Schlußangriffen auf die Festung Königsberg im April 1945, in ihren Gebäuden größtenteils zerstört worden. Damit und mit der Vertreibung der deutschen Bevölkerung endete die traditionsreiche 400-jährige Geschichte der Albertus - Universität, an der so bedeutende Gelehrte wie Kant, Bessel (Astronomie und Mathematik), Helmholtz (Physik und Physiologie), Hilbert (Mathematik), Neumann (Physik) und Lorenz (Verhaltensforschung und Philosophie) gewirkt haben.

Im Jahre 1948 wurde in der auf Kaliningrad umbenannten Stadt ein Pädagogisches Institut gegründet, das im Jahre 1967 den Status einer Staatsuniversität erhielt (Kaliningradskij gosudarstvenny universitet). Aus Anlaß der 750-jährigen Wiederkehr der Erbauung der Burg Königsberg durch den Deutschen Orden, gefeiert als „750 Jahre Kaliningrad“ im Jahr 2005, wurde sie in „Russische Staatliche Immanuel-Kant-Universität“ umbenannt. Diese Universität hat 36 Partneruniversitäten in aller Welt, darunter die deutschen Universitäten: Technische Universität Berlin, Universität Bremen, Universität Duisburg-Essen, Georg-August-Universität Göttingen, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, Christian-Albrechts-Universität Kiel, Universität Lüneburg, Ludwig-Maximilian-Universität München, Universität Salzburg, Universität Siegen, Technische Universität Wien.

Immanuel-Kant Die ersten offiziellen Berührungspunkte zwischen der Staatsuniversität Kaliningrad und der untergegangenen alten Albertus - Universität zu Königsberg ergaben sich im September 1994 bei den „Internationalen Akademischen Jubiläums - Veranstaltungen aus Anlaß der Gründung der Albertus - Universität zu Königsberg vor 450 Jahren“, die in Königsberg gefeiert wurden. Die Plenarsitzungen waren mit über 400 Teilnehmern äußerst gut besucht, wobei jeweils die Hälfte der Teilnehmer Deutsche und Russen waren.

Es wird nun auf die Struktur der Immanuel–Kant - Universität am Beispiel ihrer Mathematischen Fakultät eingegangen. An dieser Fakultät gibt es 5 Institute mit zusammen 4 Professoren, 35 Dozenten und 25 Assistenten, die insgesamt vier Studienrichtungen betreuen: Mathematik, Angewandte Mathematik, Informatik und Datensicherheit. An der Mathematischen Fakultät findet seit 1998 ein Strukturwandel statt, der ähnlich wie der Strukturwandel vor 30 Jahren an den deutschen Universitäten verläuft: Der Wandel kündigt sich 1998 an, im Jahr 2001 wird die Studienrichtung Informatik gegründet; sie zieht Studenten an, die früher Mathematik studiert hatten, sie benötigt personelle und finanzielle Ressourcen, die zum Teil von der Mathematik kommen; damit sind Spannungen zwischen Informatik und Mathematik nicht zu vermeiden. Die Zahl der Studienanfänger liegt konstant bei 100, die neu eingerichteten Studienrichtungen gehen alle zu Lasten der Mathematik.

Neben den regulären Studienanfängern gibt es noch sogenannte Kontraktstudenten. Während die regulären Studienanfänger sowohl nach Maturanoten, als auch durch Prüfungen ausgewählt werden (im Durchschnitt wird von sechs Bewerbern einer aufgenommen), zahlen die Kontraktstudenten (etwa 40-60 pro Jahr) 400 $ pro Semester für die Kosten des Studiums. Die mangelnde Auslese wirkt sich im Studienerfolg aus. Etwa 60 % der regulären Studenten, aber nur 20% der Kontraktstudenten beenden erfolgreich ihr Studium nach fünfjähriger Dauer mit dem Diplom. Das Studium ist ziemlich verschult, es herrscht ein Klassensystem. Am Ende eines Semesters sind die Prüfungen abzulegen. Zweimalige Wiederholung ist möglich, wobei die zweite Wiederholung als kommissionelle Prüfung in angemessener Zeit anzutreten ist, um das Klassensystem nicht zu stören. Arme Studenten erhalten ein bescheidenes Stipendium, das mit gutem Studienerfolg gesteigert wird.

Nach Erlangung des Diploms kann der Student „Aspirant“ werden, und durch Abfassung einer Dissertation nach mindestens drei Jahren den Titel eines „Kandidaten der Wissenschaft“ zu erreichen. Pro Jahr beginnen etwa 8 Aspiranten, die ein bescheidenes Stipendium und manchmal eine Viertel-Assistentenstelle erhalten. Wiederum gibt es sogenannte Kontraktaspiranten, etwa zwei pro Jahr, die durch Bezahlung von 1000 $ pro Jahr weiterstudieren dürfen.

Als Gastprofessor ist man hochwillkommen, erlebt bei den begabten russischen Studenten einen Wissensdurst, der bei uns schon selten geworden ist, und genießt seitens der russischen Kollegen eine überbordende Gastfreundschaft. An der Mathematischen Fakultät sind keinerlei Ressentiments gegen Deutschland festzustellen, sondern eigentlich nur freundschaftliche Gefühle. Das Fehlen der politischen Korrektheit ist angenehm, man kann über alles reden. Ein Gastaufenthalt, sei es als Professor oder als Student, an der Immanuel–Kant – Universität kann also uneingeschränkt empfohlen werden.

Lassen wir zum Schluß noch Vera Zabotkina, Professorin für Anglistik und Vizerektorin für Internationale Beziehungen, zu Worte kommen: „Königsberg existiert nicht mehr, aber wir glauben, daß Königsberg in Zukunft existieren wird. Und wir versuchen, Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu finden“. Insbesondere Burschenschafter sind aufgerufen, diese Brücke zwischen deutscher Vergangenheit und russischer Gegenwart zu betreten.

 

Verfasser: AH o. Univ. Prof. Dr. phil. Dr. h. c. Werner Kuich ist seit 1971 Ordinarius für Mathematische Logik und Formale Sprachen an der Technischen Hochschule (jetzt Universität) Wien. Seit 1995 lehrt er als Gastprofessor an der nunmehrigen Russischen Staatlichen Immanuel-Kant-Universität zu Königsberg; im Jahre 2004 wurde ihm das Ehrendoktorat dieser Universität verliehen.