Sterbehilfe

Die neu aufgeflammte Diskussion über Sterbehilfe wirft langsam die Frage auf, an welches Amt der Bürger seinen Antrag auf Selbstentleibung einbringen soll? Es herrscht allgemeiner Konsens, daß die nächsten Verwandten ein zumindest aufschiebendes Veto einlegen können, aber sollte nicht auch das Finanzamt kontaktiert werden? Etwaige Gläubiger werden aus den Ersparnissen der Krankenkassen befriedigt. Schließlich sollten alle gerichtlichen Strafen abgesessen sein, denn auf den Teufel ist heutzutage auch kein Verlass mehr.

Nachdem das moderne Leben kaum mehr als gottgegeben, sondern mehr als gegeben hingenommen wird, ist das Leiden bis ans Ende keine Selbstverständlichkeit. Die Entscheidung, ob man den brüchigen Faden selber abschneidet, stellt sich aber zu einer günstigen Gelegenheit. Pflege- und hilfsbedürftig, im Bewusstsein all die Zuwendungen nie wieder vergelten zu können, soll man davon unbeeindruckt entscheiden – eine Schwierigkeit? - eine Unmöglichkeit!

Darüber hinaus nimmt die Möglichkeit des amtlich abgesegneten Verscheidens den Druck von der Öffentlichkeit, endlich Sterbenskranken ein lebenswertes Umfeld zu bieten. Wem es nicht passt, der kann ja gehen. Auch der Arzt, der die Ausweglosigkeit schließlich bestätigen muß, wird erneut enorm belastet, und es ist absehbar, daß viele Patienten ihr Selbstbestimmungsrecht auf den Doktor übertragen, weil „der hat mehr Erfahrung in solchen Sachen.“ Der Grund der Diskussion, die unklare Situation der Sterbehelfer, zeigt uns, wie wenig selbstbestimmt die Todeskandidaten tatsächlich sind.
Das Recht auf den Freitod an und für sich muß nicht im Parlament diskutiert werden. Es steht außer Frage, daß es den meisten Menschen physisch möglich ist, sich das Leben zu nehmen. Den meisten Todkranken ist noch lange vor ihrer Hinfälligkeit bewusst, was auf sie zukommt; ein kurzer Gang in die Apotheke sorgt vor.

Historische Vorbilder wie Rommel, Seneca und Sokrates zeigen, daß der Grund nicht einmal eine Krankheit sein muß. Sogar dem Verschuldeten oder Depressiven, in ihren Zielen kaum so verehrenswert, kann dieser letzte Ausweg nicht genommen werden. Meine Möglichkeit zum Freitod brauche ich mir nicht gesetzlich als Recht absegnen lassen, denn sie ist Realität und liegt im Wesen der Verbindung von Körper und Geist.

Im Gegenteil muß der Staat, dessen Ziel nach moderner Auffassung das Wohlergehen seiner Bürger (noch moderner auch aller Ausländer) ist, dem entgegenwirken. Selbstmord ist nicht nur Ausdruck der Ausweglosigkeit, sondern bringt in jedem Fall unheimlich viel Leid über die Nahestehenden. Er sollte nie über einen festen Amtsweg genehmigt oder erlaubt werden, sondern ausschließlich Ausweg in letzter Konsequenz bleiben.

Die Art, wie unsere Gesellschaft mit diesem Thema umgeht, zeigt ein Problem - nicht eine Stärke - unserer Zeit. Für gewisse Dinge im Leben – es sind die wichtigsten – kann und soll der Staat die Verantwortung nicht übernehmen. Ein tiefgehendes Denken über unsere Existenz bleibt uns hier nicht erspart.

Artikel in der Libertenzeitung von aB Kurt Achatz im August 2001