Reise zu den Walsern

Bericht von AH Dipl. Ing. Ulf Geppert

Die Kirche von Eischéme
Die Kirche von Eischéme

Ende August 2007 (vom 25. 08. 2007 bis 01. 09. 2007) nahm ich an einer Bildungsreise  teil, welche vom Sprachinselverein in Zusammenarbeit mit Mitarbeitern der Österreichischen Akademie der Wissenschaften veranstaltet wurde. Die Reise wurde auf das Sorgfältigste vorbereitet und von Frau Dr. Inge Geyer umsichtig geleitet. Die sprachlichen Erläuterungen während der Fahrt sowie an Ort und Stelle besorgte in beeindruckender Weise Herr Univ.- Prof. Dr. Peter Wiesinger aus Wien. In jedem besuchten Dorf erklärten uns kundige Einheimische, welche auch meist deutsch sprachen, die örtlichen Besonderheiten.

Alles in allem war es eine wunderbare und inhaltsreiche Reise, welche mir einen guten Eindruck über den eigenartigen Schlag der Walser und ihr Überleben in den höchsten Tälern vermittelte.

Vom Wettergott begünstigt konnten wir die Dörfer, Weiler, Einzelgehöfte und Kirchen vor den herrlichen Bergkulissen bewundern.

Walser Ferienhaus mit Steineinfriedung
Walser Ferienhaus mit Steineinfriedung

Die Walser stammen ursprünglich aus dem oberen Kanton Wallis in der Schweiz und dem nördlich davon gelegenen Berner Oberland. Ihre Sprache stammt aus dem 11. und 12. Jahrhundert und ist „höchstalemannisch“. Sie wanderten samt Vieh und Habe über die bis zu 3000 m hohen Pässe (Theodul- oder Moro-Paß), die im Mittelalter noch eisfrei waren. Sie suchten unbesiedeltes Gebiet, zuerst nur für die Weide, dann für Siedlung und dauernde Bleibe. Es war immer eine karge Existenz und verlangte den Bauern einen hohen Einsatz ab. Dennoch schufen sich die Walser Wohlstand und Anerkennung. Sie bauten schöne Häuser aus Holz, Kirchen und Kapellen.

Im Winter wurde verschiedener Hausrat erzeugt, den die Krämer dann den Sommer über im Norden als Wanderhändler verkauften. (Ähnlich machten es die Gottscheer).

Die Besiedlung der Walser erstreckte sich von den Hochtälern des Aostagebietes über Höhen hinweg nach Osten bis zum Großen und Kleinen Walsertal in Vorarlberg und weiter bis nach Tirol. Die östlichste Gemeinde ist:

Galtür - 1583 m:

Galtür - alte Lawinenschutzmauer
Galtür - alte Lawinenschutzmauer
Galtür - Tracht und Trauer
Galtür - Tracht und Trauer

Heute bekannter Skiort, ständig bedroht durch Lawinen. Eine zirka 345 m lange und 19 m hohe Lawinenschutzmauer soll die Gefahr bannen. Ein sehenswertes Museum schildert die Geschichte des Dorfes. 40 bis 50 Familien wurden erstmals 1320 genannt („homines dicti Walser de Cultaur“). Das Tal war schon von Engadiner Rhätoromanen bewohnt, war bis Mitte des 16. Jahrhundert zweisprachig. Bei einem Überfall der Engadiner Gemeinde Ardez wurde 1622 das Dorf und die Kirche von Galtür zerstört, worauf die Rhätoromanen das Dorf Galtür verließen und abwanderten. Auseinandersetzungen zwischen den Gemeinden um Almen und Weiderechte, ungefähr 4.500 ha, wurden erst im Jahre 1900 durch einen Kaufvertrag beendet. Die neuerbaute barocke Kirche mit dem Friedhof und den schmiedeeisernen Grabkreuzen ist ein Juwel.

Hervorragend betreut und informiert wurden wir vom Bürgermeister Anton Mattle und Herrn Dr. N. Huhn, welche beide „wandelnde Lexika“ sind.

Zillis - 945 m:

Diese alte Gemeinde ( erste Nennung  im Jahre 831 ) liegt an der Via Mala, einer seit alters her wichtigen Verbindung zwischen dem Hinterrheintal und dem Tessin und Oberitalien.

Berühmt ist die romanische Kirche mit einer prachtvollen bemalten Holzdecke aus dem Jahre 1230, welche in ihrer Art einmalig ist.

Zillis - Graubünden, romanische Kirche
Zillis - Graubünden, romanische Kirche
mit der bemalten Holzdecke, um 1230
mit der bemalten Holzdecke, um 1230

Die Reise führte weiter am Lago Maggiore entlang über Verbania ins Tal des Toce, wo die südlichste Walsersiedlung ausnahmsweise ganz im Tale auf 213 Meter Seehöhe Ornavasso (Urnifasch) liegt.

Von Pieve Vergonte ging es in zahlreichen Windungen bergauf ins Tal der Anza nach

Macugnaga (Makana) - 1.327m:

Die ausgedehnte Siedlung besteht aus mehreren Dörfern und Weilern zu Füßen der Monte Rosa–Gruppe, welche den eindrucksvollen Talschluß bildet und Makana an drei Seiten umschließt. Vom Süden mit der Punta Grober (3.487 m) über den Westen mit der Dufourspitze/Gornerhorn (4.637 m) und im Norden mit dem Joderhorn (3.034 m). Über den 2.868 m hohen Moro-Paß, der damals, im 10. bis 12. Jahrhundert eisfrei war, kamen die Walser aus dem Saas-Tal über Saas-Grund und Mattmark in ihr, bis dahin unbesiedeltes, Land. Neben

Makana - Heimatmuseum
Makana - Heimatmuseum
den schönen Holzhäusern und den Bauernhöfen sind einfache, aber ausdrucksstarke Kirchen zu bewundern, ein sehr schön gestaltetes Heimatmuseum (Alts Walserhubus Ban Zer Burfuggu), sowie ein um 1965 aufgelassenes Goldbergwerk zu besuchen.

Es wird auch ein ortsüblicher Kräuter- und Wurzelschnaps angeboten, der mit Goldplättchen, wie das „Danziger Goldwasser“, versehen ist und „Walsergold“ heißt. Dieser Schnaps ist nach einer herzhaften bodenständigen Mahlzeit sehr bekömmlich!

Krämertal - römische Brücke
Krämertal - römische Brücke

Die nächsten Tage verbrachten wir im Lystal, früher auch Krämertal genannt. Der Fluß Lys mündet bei Pont Saint Martin in die Dora Báltea, welche das Aostatal entwässert.
Hier befinden sich die Walserdörfer Issime/Eischéme, Gressoney/Kressenau mit den Ortsteilen Sankt Johann, Dreifaltigkeit und Schüssel. Auch hier hatten wir Gelegenheit durch gepflegte Dörfer und Fluren zu wandern und mit den Einheimischen, welche noch „walsertitsch“ reden Verbindung aufnehmen. Vor allem die mitreisenden Germanisten und Sprachinselfreunde kamen auf ihre Kosten. Herr Prof. Dr. Peter Wiesinger, Frau Dr. Inge Geyer und Frau Julia Haldemann waren sehr bemüht, Gespräche aufzuzeichnen. Es wurde immer nach Monatsnamen, Wochentagen, Verwandtschaftsgraden und Gegenständen des täglichen Gebrauches gefragt. Dabei konnten wir feststellen, daß die alten karolingischen Bezeichnungen (Eismond, Hornung, …) noch verwendet werden. Die einzelnen Dörfer, Täler und Sprachinseln weichen voneinander ab.

Eischéme - Madonna
Eischéme - Madonna

In Eischéme wird die älteste Form gesprochen, die aus dem 10. und 11. Jahrhundert stammt und die „höchstalemannische Lautverschiebung“ nicht mehr mitgemacht hat. Das nördlicher gelegene Dorf Kressenau spricht einen 200 Jahre jüngeren Dialekt. Offenbar kamen sie später über die Pässe Theodul, Colle Superiore (2.982 m) und Colle del Bettaforca ins Lystal.

Colle d’ Ólen – Blick nach Osten
Colle d’ Ólen – Blick nach Osten

Wegen drohenden Schlechtwetters wagte ich als einziger die Überfahrt, es ging mit 4 Seilbahnen über den Colle d´ Ólen (2.881 m) in das benachbarte Tal von Alagna/Im Land.
Der Ausflug hatte sich gelohnt. Hier gibt es die größten und schönsten Häuser, ein liebevoll und vollständig eingerichtetes Walser-Museum und eine prächtige Kirche. An der Außenseite sieht man noch die Aufschrift „Im Land“. Vor der Kirche steht ein Denkmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges mit einer Widmung in Italienisch und Deutsch. Auch die Wegweiser sind zweisprachig. Die ganze Ortschaft ist sehr gepflegt. Die Walserhäuser dienen jedoch schon häufig als Zweitwohnsitze für begüterte Italiener.

 

Einige Anmerkungen:

Walsern

Die Walser hatten bis zur Einigung Italiens 1870 eigene Schulen und Pfarrer. Dann wurden die Schulen verstaatlicht und zweisprachig geführt und unter Mussolini wurde Deutsch abgeschafft. Die Sprache der Walser hat keinen sehr großen Wortschatz, es werden die Bezeichnungen für technische, wirtschaftliche und gesetzliche Begriffe nicht aus dem Deutschen verwendet, sondern aus dem Italienischen. Die Region Aostatal ist zwar mehrheitlich französisch, es wird aber ein „frankoprovenzalischer Dialekt“ gesprochen.

Der Fremdenverkehr hat aus der Abwanderung eine Zuwanderung bewirkt, aus dem elitären Bergsteiger und Wanderer-Tourismus von früher wurde ein moderner Massentourismus.

Es gibt keinen deutschen Fernsehempfang, auch nicht das Walliser „Radio Rottu“.
Die alten deutschen Dialekte schwinden daher stark.

Nach den Volkszählungen im Lystal von 1901 und 1921 sprachen 90% gewohnheitsmäßig „titsch“, 1979 nur mehr 40 %, heute zirka 35 %.

Gründe:
- Radio und Fernsehen ausschließlich in italienischer Sprache
- Touristen, mit denen man italienisch sprechen muß, wenige Deutsche
- Ehen mit Partnern, die nicht aus der Gemeinschaft stammen.

Italienisches Kriegerdenkmal
Italienisches Kriegerdenkmal

Das Kulturzentrum in Gressoney/Kressenau bemüht sich seit 1982 um die Beibehaltung und Verbreitung der Walser Sprache (Wörterbuch titsch und töitschu).

Gründung einer Bibliothek (gibt es seit 1994!), eines Museums und Archivs.

Forschung und Dokumentation über Leben, Kultur und Brauchtum, Veröffentlichung, Organisation und Förderung von Studien und Treffen.

Wegweiser in Fraktur
Wegweiser in Fraktur

Die Walser sind sehr stolz auf ihre Abstammung und Tradition. Die Tracht ist prächtig, mit Goldhauben und Schmuck, sie zeigt einen soliden Wohlstand. Die Walser selbst sind fleißig und tüchtig und angesehen. Ein Walser aus Galtür sagte mir, man erkenne sie an der markanten Nase. Es besteht also noch Hoffnung, daß das Walserische fortlebt.

Wer sich etwas mehr vertiefen möchte, möge Einblick nehmen in:

Eckartschrift Nr. 154 - Rolf Marti: Deutsche in den Südwestalpen, Oktober 2000

Greschoney-Gressoney. Walser Gemeinschaft im Aostatal

Lebendige Sprachinseln (Karin Heller, Luis Thomas Proder u. a.) : Beiträge aus den historischen deutschen Minderheiten in Italien, Centro Documentatione, Lusern 2004

P. Wiesinger: Deutsche Dialektgebiete außerhalb des deutschen Sprachgebiets, S. 900 – 929

Karte - Einzugsgebiet der Walser:

Walsern

Karten- Skizzen: Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung
(W. Besch u. a. Hrsg.). Band 2. Berlin und New York 1983